Stadtbesichtigung von Taldykorgan
Heute habe ich eins meiner Vorhaben in die Tat umgesetzt: Ich war auf Brautkleid-Suche. Eine Freundin hatte mich auf die Idee gebracht, so ein bisschen Geld zu sparen. Also bin ich nach dem Frühstück mit Flora los und mit dem Bus zum Basar gefahren.
Schon im Bus trafen wir eine Cousine von Flora. Als wir an der Bushaltestelle ausstiegen, rief die nächste Frau: Flura! Eine Freundin von Flora. Sie wollten sich ein bisschen unterhalten und Flora wollte ihr Geld geben, da sie krank ist. Da die Frau aber nicht wollte, dass es jemand (oder auch ich) sieht, schickte Flora mich schon einmal alleine los. Ich sollte eine Straße entlang gehen und so in 10 Minuten würden wir uns wieder an der Ecke treffen.
Ich schlenderte die Straße also vor und zurück. Da ich aber kein Geld dabei hatte und auch nicht angesprochen werden wollte, konnte ich mich nirgendwo allzu lange aufhalten. So war ich recht bald zurück an dem Eck, aber die beiden redeten noch. Also wiederholte ich das Ganze noch auf der anderen Seite. Inzwischen wurde mir bewusst, wie auffällig ich war: Blond, größer als alle um mich herum, blass. Und dann sprach mich auch noch ein vorbeigehender Mann an. Da wurde mir dann doch unwohl und ich stellte mich an die Ecke in den Schatten. Dort war auch eine Polizeistation, hier fühlte ich mich wohler. Ein Handy hatte ich auch nicht dabei und somit konnte ich die Zeit auch nicht abschätzen. Ich wartete also dort im Schatten und ein Polizist schaute mich schon komisch an. Auf einmal kam Ilmira-apei, Floras Schwester, auf mich zu und fragte nach Flora. Ich zeigte ihr die Richtung, konnte aber nicht erklären, dass wir hier warten sollten. Also gingen wir zu Flora, die noch immer mit der Freundin quatschte und nicht zum wichtigen Teil, der Geldübergabe, gekommen war. So waren wir beide nun doch dabei. Ich stand ein bisschen unbeholfen herum und wusste nicht, was ich tun sollte. Was sie sagten, verstand ich nicht, so konnte ich mich nicht mit beteiligen oder passende Mimik zeigen. Irgendwann waren sie aber fertig und wir zogen zu dritt los zu den Hochzeitskleidern.
In mehreren Einkaufszentren gab es verschiedene kleinere Läden mit Hochzeitskleidern. Allerdings waren die meisten Kleider ähnlich geschnitten und mit sehr vielen Perlen bestickt, was ich eigentlich nicht so sehr möchte. Auch Flora war von der Auswahl nicht begeistert. Ihr gefiel der Schnitt nicht so gut, da sie eher figurbetonte Kleider bevorzugt. Ich bin mir noch nicht sicher, aber es gab auch nicht die Möglichkeit beides einmal auszuprobieren. In einem der Läden erfuhren wir dann auch noch, dass alle Kleider nur zum Leihen waren. Die Kleider, die sie verkaufen, waren schon alle weg. Dasselbe galt für alle weiteren Läden, die wir besuchten. Auf diese Art Geld für die Hochzeit zu sparen, ist also leider nicht so einfach möglich.
Wärenddessen wurden zu Hause die Fische vom Vortag zubereitet und Piroggen gemacht.
Rinart-absi wollte nach dem anstrengenden Tag gestern ein bis zwei Tage Pause machen. Also engagierte er seinen Bruder Mnir-absi, uns Programm zu bieten. Wir würden auch einfach mal nichts tun, aber sie wollen uns immer etwas zeigen.
So kam Mnir-absi vorbei und machte mit uns und Flora eine Stadtbesichtigung von Taldykorgan.
Als Erstes sind wir auf einen Berg gefahren, wo man eine schöne Aussicht auf Taldykorgan hatte. Der Aussichtshügel war in einem Gebiet, wo Spätaussiedler wohnen, die aus China und Co. zurück nach Kasachstan gezogen sind. Erst seit ein paar Jahren gibt es dort fließend Wasser. Von einigen Häusern in dem Viertel sind nur noch die Fundamente zu sehen. Diese sind noch von Bewohnern zu Zeiten der Sowjetunion, die danach weggezogen sind. Die Baumaterialien der leerstehenden Häuser konnten aber noch gut verwendet werden und so ist da heute nur noch der Beton übrig. Unterhalb der Siedlung fließt ein ganz klarer Gebirgsfluss in den Fluss Karatal – eine schöne Badestelle.
Danach ging es weiter zu einem großen Platz mit der kasachischen Fahne. Die Fahne ist 30 x 15 m hoch und hängt an einem 110 m hohen Mast. Der Platz hat sonst nicht viel zu bieten, ein paar Plastikmodelle von irgendetwas standen herum, aber Erklärungstafeln fehlten.
Reinhard und ich wollten uns gerne auch Kirchen hier anschauen. Also war das unser nächster Stopp. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einer Moschee vorbei. Als erstes kamen wir zu einer russisch-orthodoxen Kirche. Der Hausmeister fing uns ab und ließ uns kurz in die Kirche. Die Kirche war über und über mit Gold und Bildern geschmückt. Da ich aber keine Kopfbedeckung hatte, durfte ich nur kurz rein.
Der nächste Stopp war dann an einer katholischen Kirche. Hier war das Tor abgesperrt, also gingen Flora und ich ein bisschen drumherum und zu der nebenstehenden alten Kirche. Nirgends war jemand oder eine offene Tür zu sehen. Als wir zurückkamen unterhielten sich Reinhard und Mnir-absi gerade mit einer Nonne. Sie war zufällig vorbeigekommen und fragte die beiden, was sie da wollten. Sie erklärte uns, dass die Kirche zur Zeit renoviert wurde und wir deshalb nicht reingehen konnten. Da kam noch der Pfarrer Julius und Bruder Adam dazu und erklärten uns, dass sie sowieso gerade hereingehen wollte und uns mitnehmen konnten.
In der Kirche wurde gerade gestrichen und sie mussten kontrollieren, ob alles richtig ausgeführt worden war. Sie waren dabei sehr genau und mäkelten jede kleine dunkle Stelle an. Die Nonne aus Korea konnte etwas Deutsch, da sie ihre Krankenschwester-Ausbildung in Deutschland gemacht hatte. Inzwischen lebt sie seit 10 Jahren in Kasachstan. Der Pfarrer ist Halb-Pole und Halb-???, der Bruder Halb-Pole und Halb-Deutscher.
Ein bisschen Deutsch kann hier fast jeder Ältere. Der am weitesten verbreitete Satz ist: „Ich habe heute Klassendienst.“
Auch die Malereien und Statuen waren international:
- Bild von Johannes aus Polen (eine Kopie aus Griechenland)
- Jesuskreuz, von italienischen Malern in Kasachstan bemalt (dauerte ein Jahr)
- Marienstatue aus Mexiko (die Überfahrt war teurer als die geschenkte Statue wert war)
Es war sehr nett, sich mit dieser internationalen Gesellschaft auszutauschen. Zum Abschluss fragte uns der Pfarrer noch nach unseren Namen, um uns in sein Gebet mit aufnehmen zu können.